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Lüttich: „La Sonnambula“, Vincenzo Bellini

Lieber Opernfreund-Freund, im belgischen Lüttich ist derzeit eine ganz besondere Inszenierung von Vincenzo Bellinis Belcanto-Perle La Sonnambula zu erleben. Dabei ergänzt die Choreographin Michèle Anna De Mey die Erzählung mit Hilfe von neun Tänzern um eine zusätzliche Dimension. (c) J. Berger – ORW Liège – Ein Bühnenbild im klassischen Sinne gibt es nicht am gestrigen Abend. Stattdessen wird die Lütticher Bühne beherrscht von einem großen bespielbaren Quadrat, das Tanz- und  . . .

Buchkritik: „Marktgräfliches Opernhaus Bayreuth“

Wie viele Bücher über das Markgräfliche Opernhaus braucht der Mensch? Die Frage gebt verloren, wie es in einer auch in Bayreuth häufig aufgeführten, in Nürnberg spielenden Oper heißt – denn ein Bauwerk, dem ein voluminöses Buch gewidmet werden kann, und das im Untertitel das Epitheton „Weltrang“ verliehen bekommt, ist so faszinierend, dass im Lauf der Jahre immer noch neue Erkenntnisse hinzukommen können, die uns das Exzeptionelle immer besser begreifen lernen. Im Fall des  . . .

Frankfurt: „Blühen“, Vito Žuraj

Daß man unheilbar kranken Frauen beim Siechtum und schließlich beim Sterben zusieht, ist ein erstaunlich beiläufiger Vorgang zweier der erfolgreichsten Opern des internationalen Repertoires: Verdi läßt seine Traviata ebenso bühnenwirksam an Tuberkulose zugrunde gehen wie Puccini seine Mimi. Das Publikum ist gerührt bis ergriffen und empfindet keinerlei Scham über den eigenen Voyeurismus, der sich letztlich am tödlichen Elend erbaut. Das ist bei der aktuellen Uraufführung am  . . .

Kontrapunkt: „Bestandsaufnahme des Herausgebers“

Alles wieder wie früher? Mitnichten! Der alte Opernfreund ist weg. Corona ist weg wie das billige Gas aus Russland. Aber eine Zeitenwende ist da – hipp hipp hurra! Dann können wir wieder reinhauen, als wäre nichts gewesen. Unsere Theater sind auch wieder da und agieren wie vor der Coronakrise, als wäre auch da nichts gewesen. Als Beweis dienen allerorten massenhaft 5-Stunden-Opern. Die Intendanten haben es verstanden. Genau das wollen die Leute. Wagners Ring an jeder Pommes-Bude 😉Na,  . . .

Wien: „Orpheus in der Unterwelt“, Jacques Offenbach

Innerhalb einer Woche Offenbach zum zweiten in den Musiktheatern Wiens. Ist im MuseumsQuartier eine Herde Trampeltiere für die „La Perichole“-Aufführung des Theaters an der Wien herumgerast (dafür wurde ausgezeichnet gesungen), nahm die Volksoper für „Orpheus in der Unterwelt“ einen ganz anderen Weg. Man engagierte ein englisches Comedy-Ensemble, von dem man sicher sein konnte, dass es das Publikum nicht mit billigem Austro-Agitprop belästigt. Auch haben sie, was wohl nur die  . . .

Luzern: „Konzert“, Renée Flemming, Evgenij Kissin

Sie sind leider etwas aus der Mode gekommen, die Liederabende oder Rezitals, denn sie bereiten nicht den sofortigen wohligen Schauer sängerischer Hochseilakte wie dies Arienabende aus Opern vermögen, sondern erfordern konzentriertes Zuhören – und Zeit und Offenheit, sich auf die poetische Verschmelzung literarischer Texte mit Musik einzulassen, vor allem dann, wenn nicht nur die altbekannten "Hits" des umfangreichen Liedrepertoires präsentiert werden. Gestern Abend in Luzern dauerte es ein  . . .

Zürich: „3. Philharmonisches Konzert“, Strauss, Bartok, Mahler

Was für ein klug zusammengestelltes Konzertprogramm voll aufwühlender Intensität präsentierte uns die Philharmonia Zürich anlässlich ihres 3. philharmonischen Konzerts gestern Abend im Opernhaus Zürich! Der 26 jährige Richard Strauss stand bei der Komposition seiner Tondichtung „Tod und Verklärung“ ganz am Anfang seiner Karriere, Béla Bartók hinterließ sein Viola Konzert nur skizzenhaft auf 18 losen, unnummerierten Blättern, Bloß die Stimme des Soloinstruments schien  . . .

Köln: „La Cenerentola“, Gioacchino Rossini

Mit dieser Produktion debütierte die italienische Regisseurin Cecilia Ligorio in Deutschland und fuhr sofort einen großen, einstimmigen Erfolg ein. Ihr Gedanke war, die sprudelnde Kraft von Gioacchino Rossinis Musik zu nutzen, um die Handlung in ein ebenso sprudelndes Ambiente zu versetzen, nämlich in die Welt Amerikas in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts, als Tanzstars wie Fred Astaire und Ginger Rogers das Tempo vorgaben und überall Revuen mit top- ausgebildeten Tänzern vor  . . .

CD: „Nicht Wiedersehen“, Günther Groissböck

In mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich und überraschend ist die 2022 bei Gramola erschienene CD „Nicht Wiedersehen!“ mit Liedern von Richard Strauss, Hans Rott und Gustav Mahler, gesungen von Günther Groissböck. Die Einspielung mit dem österreichischen Baß biegt bewußt ab vom gewohnten Pfad der Sporan-, Tenor- oder höchstens mal Bariton-Wiedergaben der berühmten Lieder, neben denen auch echte Wiederentdeckungen zu hören sind. Bereits das Cover-Photo entspricht nicht den  . . .

Hamburg: „Lady Macbeth von Mzensk“, Dmitri Schostakowitsch

Die Handlung der Oper Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch bietet „Sex and Crime“ pur: Vergewaltigung, Ehebruch, Brutalität und Mord sind die äußerlichen Zutaten. Katerina Ismailowa lässt sich auf ein Verhältnis mit Sergei ein, einem Arbeiter im Betrieb ihres Schwiegervaters Boris.  Dieser Boris ist ein bigotter, brutaler und geiler Tyrann. Katarina vergiftet ihn. Und zusammen mit Sergei bringt sie ihren Mann Sinowij um, der von einer Reise zurückkehrt.  Die  . . .

Nürnberg: „Falstaff“, Giuseppe Verdi

Wie sich die Bilder nur scheinbar von Ferne gleichen: Als vor genau zwei Monaten die Oper am Fenice herauskam, konnten wir auf einen hölzernen Theatergaleriebau der Shakespeare-Zeit schauen, der sich in drei Etagen nach oben ausbreitete. Nun, in Nürnberg, wo im 16. Jahrhundert die sog. Meistersinger-Bühne bestand, über deren Rekonstruktion sich im frühen 20. Jahrhundert die Theaterwissenschaftler buchstäblich die publizistischen Köpfe einschlugen, sehen wir wieder auf einen scheinbar  . . .

Wiesbaden: „Rusalka“, Antonín Dvořák

Wenn Sänger ins Regiefach wechseln, geschieht das zumeist nach Beendigung der aktiven Bühnenkarriere. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Brigitte Fassbaender, die als international gefeierte Mezzosopranistin bereits im Alter von 56 Jahren die Profession wechselte und mit inzwischen rund 90 Inszenierungen eine der wichtigsten Opernregisseure im deutschsprachigen Raum geworden ist. Zuletzt hatte sich am Staatstheater Wiesbaden die (ehemals) hochdramatische Sopranistin Evelyn Herlitzius an  . . .

Basel: „Rigoletto“, Giuseppe Verdi

Die Premiere von «Rigoletto» in Basel vom 21. Januar 2023 muss als großer Erfolg für das gesamte Team auf, hinter unter und vor der Bühne gewertet werden. Das ist dem Regisseur Vincent Huguet und dem Bühnenbauer Pierre Yovanovitch zu verdanken. Huguets Personenführung ist makellos, seine Interpretation von Rigoletto als Oper und die Darstellung der einzelnen Rollen überzeugend. Dazu kommt der geniale Bühnenaufbau von Yovanovitch, welcher Szenenwechsel durch drei Drehbühnenteile ohne  . . .

Berlin: „Samson et Dalila“, Camille Saint-Saëns

Stimmungsvoll beginnt die Aufführung von Saint-Saëns’ Samson et Dalila in der Inszenierung des argentinischen Filmregisseurs Damián Szifron. Nach der Premiere 2019 hinterlässt die aktuelle Wiederaufnahme-Serie sogar noch einen stärkeren Eindruck, denn einige seltsame Einfälle des Regisseurs waren eliminiert worden. Ètienne Pluss hatte für den 1. Akt in der Stadt Gaza vor dem Tempel des Dagon eine atmosphärische Kulisse mit felsiger Höhlenlandschaft in diffusem Licht (Olaf Freese)  . . .

Buchkritik: „Voices“, Christine Cerletti / Thomas Voigt

Nur häppchenweise und nicht etwa in einem Zuge sollte man sich den umfangreichen Band  mit dem Titel  Voices zu Gemüte führen, in dem nicht mehr und nicht weniger als knapp siebzig mit der Oper oder zumindest mit der klassischen Musik verbundene Künstler sich zu dem Thema äußern, warum sie sich ihrem anspruchsvollen und risikoeichen Beruf, der fast allen Berufung ist, zugewandt haben, welches das auslösende Erlebnis für die Wahl desselben war und welche Erlebnisse prägend  . . .